RENATE FRERICH

Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht der Mensch!

In seinem Roman Dein Name spricht Navid Kermani von sich als Romanschreiber, Enkel, Vater, Leser, Freund, Nachbar, Liebhaber, Berichterstatter, Orientalist, Poetologe und nennt es ein grundsätzliches Verfahren der Literatur, von sich in der dritten Person zu schreiben, … als ein Versuch die Bewusstwerdung (des Ichs) des Kindes nachzuahmen.

Bei den Philosophen sind es die Fragestellungen, wie „Wird das „Ich“ zum „Spielball der Verhältnisse“?, von Michel de Montagne oder „Wer bin ich? Und wenn Ja wie viele?“ von Richard David Precht, die mich faszinieren.

Diesen Fragen nachspürend, geht es mir darum, die Vielschichtigkeit einer Person in den Fokus zu rücken. Aus dem spontanen Gestus heraus entwickelte ich die ersten figürlichen Umrisszeichnungen, die ich unter Verwendung verschiedener Materialien abstrahierte. Nur noch entfernt erinnern sie an menschliche Körperformen. Sie wurden eher zu Chiffren oder Zeichen einer eigenen Sprache, mit denen ich weiter experimentierte und die ich wieder mit realistischen Figuren konfrontierte.

Im Jahre 2002 erweiterte ich mein künstlerisches Forschen und begann in verschiedenen Aktionen Fragmente zur Definition von Individualität zusammen zu tragen: Haare, Fingerabdrücke, kleine persönliche Gegenstände oder Äußerungen zur eigenen Person.

Diese in vorausgehender Interaktion mit dem Skizzierten selbst gesammelten Fragmente trug ich im Atelier zu einer neuen Arbeit zusammen:
So bat ich die Kunden/innen eines Frisörsalons im Rahmen der Hörster-Fensterschau in Münster, mir eine Haarlocke und ein Mitbringsel dazulassen und verarbeitete sie in der Wandinstallation „aufgehoben ff“.
Die Teilnehmer eines Essens in einem Restaurant in Dortmund überließen mir ihre Fingerabdrücke unterschrieben mit einer für sie zutreffenden Bezeichnung (Tafelrunde).
Ähnlich portraitierte ich die U-Bahnfahrer/innen beim KunstTransport in München (“Kennkarte”), die Anwohner der Flottmann-Hallen („In der Nachbarschaft“) und die Besucher meiner Ausstellung („Schattengesellschaft“).
Bei einem Aufenthalt in Paris, im Gastatelier der Düsseldorfer Künstler, sammelte ich von vierzehn Stipendiaten aus aller Welt Persönlichkeitsspuren (Pariser Gäste) oder ich durchstreifte für mehrere Wochen den Geschäftsbereich Abrechnung der KVWL und sammelte Aussagen der Mitarbeiter zur eigenen Person, sowie Utensilien vom Schreibtisch (Numerus tu).

Auch wenn ich hier von Portrait- bzw. Persönlichkeitsskizzen spreche, bleiben die
Beteiligten trotz sehr persönlicher Äußerungen oder identitätssicherer Merkmale
(Fingerabdrücke, Haare) für den Betrachter im Bereich des Rätselhaften.
Häufig treten bei Gruppenportraits - einem Naturgesetz folgend - die Persönlichkeitsspuren in den Vordergrund, die die Bedingungen des Ortes wieder
spiegeln.

Aus unterschiedlichen Persönlichkeitsspuren zusammengefügt, entstehen so meine
Gruppen-, Familien- oder Einzelportraits. Der Arbeit im Atelier geht eine kommunikative Situation voraus:

Nachts um Drei, 2016
Gießkanne, Draht, Filzstift
220 cm x 90 cm x 90 cm


Eine weiße Gießkanne (Metall) hängt in Gießhaltung an der Wand. Aus der oberen Öffnung zum Füllen der Kanne quillt Drahtgestrüpp. Erst bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass hier verschiedenartig geformte Drahtteile aus der Rundung ragen. Aus den kleinen Öffnungen der Tülle winden sich lange dünne Drähte bis zum Boden und enden in der Andeutung einer Pfütze. Am unteren Rand der Kanne steht der mit Filzstift aufgetragene Satz: „Nachts um drei weiss ich, warum ich das mache, aber dann fragt mich ja keiner.“
In seinem unermüdlichen Schaffen ist es eine künstlerische Herangehensweise des hier portraitierten Künstlers, dass er immer wieder Teile früher Arbeiten auf seine Gültigkeit in neuen Zusammenhängen überprüft. Nie kann man sich sicher sein, dass eine Arbeit endgültig fertig ist. Immer wieder werden Einzelteile bzw. einmal gefundene Formen wie Rohmaterial zu neuen Installationen zusammengefügt.

Die Dinge finden das Medium, 2018
Draht, kleine Gegenstände
120 cm x 140 cm x 50 cm


Ein aus Draht gewebtes Netz hängt ander Wand, ist an den Enden zusammengebunden. Verschieden lange Endstücke ragen in natürlicher Rundung heraus. Im Innern des Netzes befinden sich mehrere Gegenstände:
ein Stück Holz mit einem goldverzierten Dekor, ein Kronenkorken, ein 50er Jahre Porträt einer Frau, das Werbefoto eines pausbäckigen Kindes (Brandt Zwieback)…
Die hier portraitierte Künstlerin sammelt und findet intuitiv. Das Gefundene wird durch ihre Installationen und Performances sichtbar. Sie ist das Medium zu dem die Dinge finden.


Verstrickte Gefilde, 2019
Verschiedene Drähte, Kunststoffrohre
176 cm B x 31 T x 109 H


Ist es, wie es ist? fragt sich hier die Portraitierte. Sie vergewissert sich über mehrere Zeilen ihres Umfeldes. In Draht gebogen, sind diese Zeilen Ausgangspunkt für die Arbeit „Verstrickte Gefilde“. Durch die beiden an den oberen Enden mit dem Draht umwickelten Kunststoffstäbe und die leicht
wellenförmige Bewegung des Geflechtes entsteht die Anmutung von etwas selbst Gestricktem.

Familiensaga, 2011
Draht, Zahnbürsten
230 cm x 200 cm


In dieser Arbeit besteht das filigrane Drahtgeflecht aus Chiffren ähnlichen Formen, die ich im Laufe der Zeit aus meinen Figurenskizzen ableitete. Diese abstrahierten menschlichen Umrisse überziehen wie ein gleichförmiges Muster die Wand. Unterbrochen wird dieses Muster von sechs bunten Zahnbürsten, die mir
von einer Familie überreicht wurden.
Auch hier bleiben die Portraitierten für den Betrachter anonym, doch ließe sich anhand der genetischen Spuren an den Zahnbürsten möglicherweise eine eindeutige Identität feststellen.


In zwei im Folgenden näher beschriebenen Arbeiten löse ich mich von diesem Prinzip der vorausgehenden Befragung vor Ort. Ich greife vielmehr auf Vorhandenes zurück. In der Arbeit „Warum Stößt der Wal mit jedem Atemzug eine Fontäne aus?“ bringe ich Selbstäußerungen aus vielen verschiedenen Aktionen zusammen und bei „Fließendes Ich“ ist Vorhandenes/Überliefertes Ausgangspunkt der Arbeit.

Warum stößt der Wal mit jedem Atemzug eine Fontäne aus? 2016
7 Gießkannen, Lack, Draht
210 cm 400 cm x 96 cm


Sieben handelsübliche Gießkannen sind in zwei Meter Höhe in Gießhaltung montiert. Die Neigung ist durch den Anschnitt der Kunststoffkannen bedingt. Zugleich entsteht der Eindruck, dass die Gefäße aus der Wand kommen und somit auch den Raum hinter der Wand mit einbeziehen. Aus der Brause sprudeln in Draht gebogene Satzfragmente. Auf dem Boden entsteht eine Andeutung von Pfützen. Hier mische ich die, in zahlreichen Aktionen gesammelten Selbstäußerungen – pars pro toto.
Das serielle Prinzip wird durch die sieben gleichen Gießkannen aufgegriffen, aber auch gleich wieder in Frage gestellt durch die rote ungleichmäßige Lackierung der Gefäße und die unterschiedlichen Fließbewegungen der Wortgebilde aus Draht. In diesem Fluss der Worte werden einzelne sichtbar: … nicht da … Sauerland ... bleiben will... Jugend...


Fließendes Ich, 2018
Wasserhahn mit Gebrauchsspuren und Verbindungsrohr, Eisenstange gebogen
130 cm x 60 cm x 60 cm


In ca. 1,30 Metern Höhe ragt ein gebrauchter Wasserhahn mit Verbindungsrohr aus der Wand. Aus dem Wasserhahn fließenden, in Eisenstange gebogen, die Worte: Ich bin die, die nicht ist (n. K. von Siena).
Hier spüre ich der Abwesenheit des Individuums nach: ... auf dem Arbeitsmarkt, in der Gesellschaft, in der Religion, in der Philosophie …

Der Draht ist zur Zeit mein bevorzugtes Material aufgrund seiner Wirkung von Leichtigkeit, seiner vielfältigen Formbarkeit, seines Schattenwurfs als weitere Dimension. Der Draht erinnert an die Bleistiftlinie, beinhaltet aber die Möglichkeit der Zeichnung in den Raum hinein. Die Linienführung über eine Bleistiftlinie hinaus zu erproben fasziniert mich.

Einige Zitate zu verschiedenen Arbeiten:

Prof. Dr. Klaus Schrenk, Kunsthalle Karlsruhe, 2004, zu der Arbeit Sechs Portraits: Die Unverwechselbarkeit unserer Person und Identität findet sich genetisch fälschungssicher in unserem Daumenabdruck. Die Künstlerin thematisiert damit eine zentrale Frage... In der Arbeit klingt nun eine kritische Stimme an, da sie von unserer persönlichen Erscheinung abstrahiert, die fast nicht sichtbare Struktur der Fingeroberfläche visuell auflöst und diese zum Träger einer definitiv positiven Wahrheit über unser Menschsein erklärt.... In der zweiteiligen Arbeit werden die jeweiligen Fingerabdrücke mit einer Schriftzeile versehen, die den Besitzer dieses unverwechselbaren Kennzeichens namentlich kenntlich macht, ohne dass wir allerdings ein Bild von der so dokumentierten Person gewinnen können...

Dr. Susanne Schulte GWK, Münster, 2002: Mit konkreten Reminiszenzen von
Individualität arbeitet Renate Frerich beim Frisör Bickmann. Und die moderne Technik und Wissenschaft macht die Identifikation derer, die sie lieferten, sogar anhand nur dieser Fragmente möglich. Haare der Kunden und andere Attribute...arbeitet sie in ihre Fensterinstallation aus Pergamentpapier und Plastik ein und entwickelt eine Zeichensprache, die an Figur und Schrift erinnert, aber doch ganz individuell bleibt, nämlich nicht wie eine Schrift lesbar ist, keine konkrete Botschaft übermittelt – die ein Rätsel bleibt, wie jede Person für die anderen, aber nicht zuletzt auch für sich selbst.

Dr. Christoph Kivelitz, 2007 in den Flottmann-Hallen: „Indem Renate Frerich die
Bildgattung des Portraits in eine zeitgemäße Methodik überführt, thematisiert sie den Spannungsraum zwischen öffentlicher und privater Identität.“

Peter Schmieder, Künstlerhaus Dortmund, 2016: In Interaktiven Arbeiten gewann die Künstlerin umfassende, fast als humanes Panorama zu verstehende
Personenerkundungen, die sich wiederum zu Wanderzählungen oder Installationen fügten. Diese Arrangements gehen über individuelle Befragungen hinaus, sie lassen menschliche Geschichte als überzeitlichen Chor ertönen...

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